Es war ein Frühlingstag, wie er schöner kaum hätte sein können. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten, und ich spazierte gemütlich durch unser wunderbares Reich.
Zwischendurch suchte ich mir immer wieder ein schönes Fleckchen Gras, um mich von der Sonne wärmen zu lassen. Gerade hatte ich es mir besonders bequem gemacht und wollte ein wenig schlummern, als ich plötzlich ein jämmerliches Weinen hörte.
Es war eindeutig das Miauen eines Kätzchens – und es klang, als wäre es in großer Not.
Wie schrecklich!
Wie hätte ich da in aller Seelenruhe weiter mein Sonnenbad genießen können?
Mit der Ruhe war es natürlich vorbei. Ich stand auf und folgte dem kläglichen Miauen. Schon bald erreichte ich eine ruhige Straße, auf der nur selten ein Auto vorbeikam.
Dort sah ich es.
Mitten auf der Straße lag ein wunderschönes junges Schildpattkätzchen und schrie so herzzerreißend, dass sich sogar ein Stein hätte erweichen lassen.
Als ich näherkam, entdeckte ich etwas Entsetzliches: Jemand hatte dem kleinen Tier die Vorderpfötchen zusammengebunden.
Mir blieb beinahe das Herz stehen.
Unser großes Glück war, dass auf dieser Straße nur wenig Verkehr herrschte. Trotzdem konnte jederzeit ein Auto kommen. Ringsherum standen einige Häuser, in denen Menschen lebten. Also rannte ich, so schnell mich meine Pfoten tragen konnten, zum nächstgelegenen Haus.
Dort miaute ich laut und kläglich, immer wieder, bis sich endlich ein Fenster öffnete.
Ein älterer Herr mit Bart steckte den Kopf heraus. Er sah mich an und muss wohl auch das Schreien des kleinen Kätzchens gehört haben, denn kurz darauf kam er aus dem Haus.
Sofort rannte ich zurück zur Straße. Der Mann folgte mir.
Als er das hilflose Kätzchen entdeckte, blieb er erschrocken stehen. Dann drehte er sich blitzschnell um, rannte noch einmal ins Haus und kam mit einer Schere zurück.
Ehe ich mich versah, hatte er die Schnur vorsichtig durchtrennt und das Kätzchen befreit. Behutsam nahm er das kleine Tier auf den Arm.
Vor Erleichterung begann ich laut zu schnurren und strich dem Mann dankbar um die Beine.
Doch was würde nun geschehen?
Würde er das Kätzchen mit in sein Haus nehmen? Würde er sich darum kümmern?
Eines wusste ich ganz sicher: Dieser Mann würde es niemals wieder auf die Straße setzen.
Langsam machte ich mich auf den Heimweg. Trotzdem drehte ich mich immer wieder um.
Und tatsächlich: Der Mann folgte mir. Das kleine Kätzchen trug er sicher auf seinem Arm.
Er ging hinter mir her, bis wir unser Haus erreichten. Dann klingelte er an der Tür.
Frauchen kam heraus. Die beiden Menschen redeten eine Weile miteinander, und plötzlich hielt Frauchen das Kätzchen in ihren Armen.
Ich glaubte kaum, was ich da sah.
Sie streichelte es vorsichtig, sprach beruhigend mit ihm und drückte es sanft an sich. Der ältere Herr lächelte erleichtert, verabschiedete sich und ging zurück nach Hause.
Für mich war es einer der schönsten Augenblicke meines Lebens.
Ich hatte ein Katzenleben gerettet.
Nun würde alles gut werden. Da war ich mir ganz sicher.
Ein Gespräch und eine Entscheidung
Später lag ich zufrieden auf meinem Lieblingsplatz und dachte wieder einmal an meine liebe Daisy. Dabei wurde ich zufällig Zeugin eines Gesprächs zwischen Herrchen und Frauchen.
Kein Zweifel: Es ging um unser Findelkind.
Natürlich spitzte ich sofort die Ohren.
Frauchen sagte empört:
„Wer macht so etwas? Was sind das bloß für Menschen?“
Herrchen antwortete:
„In meinen Augen sind das Unmenschen. Man müsste mit ihnen dasselbe machen. Vor allem braucht der kleine Kerl jetzt schnell Hilfe.“
„Der kleine Kerl?“, fragte Frauchen. „Dann ist es also ein Kater?“
„Ja“, sagte Herrchen. „Und ein ganz niedlicher noch dazu.“
Frauchen schwieg einen Moment. Dann hörte ich sie leise sagen:
„Ich möchte ihn nicht wieder hergeben.“
Herrchen antwortete ohne zu zögern:
„Das möchte ich auch nicht. Aber zuerst fahren wir mit ihm zum Tierarzt. Wer weiß, was er durchgemacht hat.“
Kurz darauf holte Herrchen meine Transportbox.
Ihr wisst schon: diese schreckliche Kiste, in die sie mich immer setzen, wenn wir zum Doktor oder zur Streichelstunde fahren.
Diesmal kam der kleine Kater hinein. Frauchen legte noch eine weiche Decke dazu, und dann fuhren die beiden mit ihm davon.
Ich war furchtbar aufgeregt.
Vor allem dauerte es eine halbe Ewigkeit, bis sie zurückkamen. Als endlich das Auto vorfuhr und die Türen geöffnet wurden, traute ich meinen Augen kaum: Unser Findelkind war nicht dabei.
Hatten sie es etwa beim Tierarzt gelassen?
Traurig ging ich ins Haus und lauschte, ob die beiden noch etwas erzählen würden.
Frauchen begann:
„Der arme Kleine war völlig erschöpft. Seine Pfötchen sind wund, und er muss erst einmal wieder zu Kräften kommen.“
„Beim Tierarzt ist er für diese Nacht am besten aufgehoben“, sagte Herrchen. „Morgen dürfen wir ihn wieder abholen.“
Frauchen klang erleichtert.
„Dann müssen wir nur noch einen Namen für ihn finden.“
Eine Weile war es still.
Schließlich sagte Herrchen:
„Was hältst du von Felix? Das bedeutet doch der Glückliche. Nach allem, was passiert ist, soll er von jetzt an nur noch Glück haben.“
„Felix“, wiederholte Frauchen. „Ja, das passt zu ihm.“
Felix!
Was für ein schöner Name.
Dann hörte ich Frauchen fragen:
„Glaubst du, Lucy wird sich über ihn freuen?“
Herrchen lachte leise.
„Ganz bestimmt. Schließlich hat sie ihn gefunden und Hilfe geholt. Ich bin gespannt, wie sie sich als Nanny macht.“
Da war es also entschieden.
Felix würde bei uns bleiben.
Ich war überglücklich. Ohne Frage war das einer der schönsten Tage meines Lebens.
Am nächsten Morgen holten Frauchen und Herrchen ihn beim Tierarzt ab. Als sie die Transportbox ins Wohnzimmer stellten und die Tür öffneten, kam Felix zunächst ganz vorsichtig heraus.
Ich ging langsam auf ihn zu und stupste ihn sanft mit der Nase an.
Er sah mich mit seinen großen Augen an und begann leise zu schnurren.
Von diesem Augenblick an wusste ich: Er gehörte zu uns.
Natürlich ist der kleine Teufel manchmal noch ganz schön wild. Er jagt durch die Zimmer, springt auf Dinge, auf denen er nichts zu suchen hat, und hält sich nicht immer an meine guten Ratschläge.
Aber keine Sorge: Ich werde ihn schon erziehen.
Zumindest werde ich es versuchen.
Von Anfang an habe ich Felix so sehr ins Herz geschlossen, dass ich ihn nie wieder hergeben möchte.
Und Frauchen und Herrchen?
Die sind einfach die Besten. Darum habe ich sie natürlich ebenso lieb.
Keine Frage: Wir sind eine nette kleine Familie, in der jeder auf den anderen achtet.
Und manchmal beginnt das größte Glück mit einem einzigen mutigen Miauen.
