Was ich sehe, macht mir Angst. Lauter neugierige Menschen kommen vorbei und scheinen nur mich anzustarren. Wir gehen durch eine kleinere Tür und meine Menschen machen sie dicht.
Endlich Ruhe vor den neugierigen Augen; aber was ist das: Eine Katze, sieht aus wie eine Engländerin. So was habe ich früher schon mal auf einem Balkon gesehen. Hübsch ist sie ja, eine wahre Schönheit, aber genauso neugierig wie die Menschen da draußen. „Hallo, ich bin Perla!“ sagt sie zu mir. Potz blitz; das interessiert mich doch jetzt gar nicht. Gerade bin ich hier angekommen und muss erst mal sehen, wo man mich eigentlich hingeschleppt hat. Das darf Doch wohl nicht wahr sein! Jetzt schnuppert dieses aufdringliche Frauenzimmer an meiner Kiste herum, wo ich eingesperrt bin und ihr nicht mal eine verpassen kann.
Die Frau nimmt mich hoch, bringt mich in ein kleines Zimmer und macht die Tür zu. Endlich geht die Kiste auf und ich kann herausspringen. Oh, ein Klo. Gott sei Dank, das wurde aber auch Zeit. Es ist sauber und schön. Wo ich da so sitze, und mich erleichtere, sehe ich eine Mega Höhle, wie für mich gemacht. Da kann ich rein krauchen und mich vor dieser aufregenden Welt verstecken. Als ich fertig bin, mache ich, dass ich da reinkomme. Eine schöne Höhle, kuschelig weich und sicher. Jetzt könnt ihr mich alle mal! Ich ruhe mich jetzt endlich von dieser stressigen Reise aus. Doch ein bisschen neugierig bin ich schon, was draußen passiert. Heimlich beobachte ich die Frau. Was macht sie da? Erst bringt sie die Kiste weg. Dann kommt sie mit Essen für mich und Wasser zum Trinken. Jetzt sagt sie zu mir: „So, meine Süße. Hetzt lassen wir Dich erst einmal in Ruhe.“ Sie geht und macht die Tür zu.
Das ist also mein Zuhause. Mein eigenes Reich, wo ich machen kann was ich will. Bestimmt gibt es da auch was zum Spielen. Doch jetzt interessiert mich das alles noch nicht. Ich bin hundemüde und mache erst mein wohl verdientes Nickerchen.
Als ich wach werde, befällt mich wieder der Beobachtungsdrang von meinem sicheren Posten aus. Die Frau sitzt vor so einem Ding, wo sie mit den Fingern drauf rum haut. Was soll das denn? Jetzt kommt sie an meine Höhle, kniet sich da hin und streichelt mich. Weil es mir guttut, lasse ich es mir gefallen; denke aber bei mir: „Bitte nimm mich da jetzt nicht raus. Lass mich in meiner schönen Höhle liegen. Ich will noch nichts neues sehen.“ Ein paar Mal werde ich noch gestreichelt und dann wieder in Ruhe gelassen. Irgendwann werde ich rauskommen und mich umsehen, aber noch nicht jetzt.
Später, als die Frau still in einem Sessel sitzt krauche ich vorsichtig heraus und gehe zu ihr hin. Sie freut sich. Ich stups sie an und schnurre ihr um die Beine. Sie streichelt mich. Es ist so schön, dass ich immer wieder stupse, damit sie weiter streichelt. Merkwürdig; irgendwo redet ein Mann, den ich nicht sehe. Die Stimme kommt aus einem kleinen Kasten? Wie bei dem Kasten, den der Fahrer von dem Transporter hatte, der uns nach Hause gebracht hat. Da kam auch schöne Musik raus. Der Mann hat dazu „Radio“ gesagt.
Jetzt habe ich erst mal Hunger. Ich haue mir den Bauch voll, trinke was und gehe wieder in meine Höhle. Die Frau lauscht immer noch in dieses Ding rein. Dann ist es auf einmal aus. Sie kommt zu mir, streichelt mich und sagt: „Jetzt schlaf schön, meine Mieze, bis morgen.
Der neue Tag fängt aufregend an. Zeit aufzustehen, sich zu putzen und zu frühstücken. Es nützt nichts; ich muss raus aus meiner Höhle.
Oh je, die Tür ist auf. Frauchen grüßt: „Guten Morgen Latinka, gut geschlafen?“ Doch ich gehe nicht zu ihr. Meine Augen sind auf die offene Tür gerichtet, und auf Perla, die prompt mit reingekommen ist. Die dumme Nuss kommt immer näher zu mir und versucht, mich anzumachen.
Mir platzt der Kragen. Ich knurre, fauche, aber das interessiert sie einen Dreck. Ich werde deutlicher: „Was fällt Dir ein, Du aufdringliches Weib! Du bist nicht meine Mutter, merk Dir das! Mach, dass Du Land gewinnst!“
Es bringt nichts; Perla hört nicht auf mich. Da bleibt mir nur, das Weite zu suchen. Ich habe einen großen Kasten mit einer hohen Lehne gesehen. Da sind weiche Kissen und Decken drauf. Wenn ich mich dünn mache, kann ich mich dahinter verstecken. Noch besser als in der Höhle. Schade, da ist es nicht so kuschelig, aber ich kann alles beobachten.
Was macht denn diese freche Hexe jetzt. Sie geht auf mein Klo und an meinen Fressnapf. Denkt wohl, dass ich vorkomme? Jetzt gerade nicht. Da kannst Du warten, bis Du schwarz wirst.
Aus meinem Versteck sehe ich, dass Perla gegangen ist. Nur Frauchen sitzt noch an ihrem Tisch und spielt wieder mit den fingern und dem Ding, was da draufsteht. Irgendwann geht auch sie. Wo ist eigentlich der Mann, der mich hier reingebracht hat? Wer weiß? Ich gehe was fressen, trinken und aufs Klo. Dann mache ich wieder die Fliege.
Richtig wohl ist mir aber nicht mehr dabei. So kann es doch nicht weitergehen. Dieses Leben ist langweiliger als mein Leben je gewesen ist. Wenn ich mir jetzt nicht endlich einen Ruck gebe, wird sich daran auch nichts ändern. Ich komme langsam vor gekrochen. Siehe da, der Mann kommt. Irgendwie mag ich ihn. Er versucht mich zu streicheln. Doch erst mal sage ich mir: „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste“ und weiche zurück. Jetzt kommt auch noch Perla. Sie sieht so traurig aus. Warum nur? Liegt das an mir?
Ich weiß; alle wollen nur das Beste für mich. Langsam gehe ich auf sie zu. Ich habe doch so viele Fragen, die sie mir beantworten muss. Zum Beispiel, was Frauchen da immer an dem Tisch macht. Perla kommt näher, lächelt mich an, und plötzlich küssen wir uns. Es ist einfach passiert. Dann dreht sie sich um und geht durch die offene Tür einfach weg.
„Perla!“ rufe ich. „Warte doch, ich komm mit!“ Ich renne hinterher, bevor die Tür wieder zu geht. Doch sie geht nicht zu; ich bin frei und kann mich in der ganzen großen Wohnung umschauen. Ist das der Anfang einer Freundschaft? Ich glaube, ja. So ein schönes neues Zuhause und eine liebe Freundin, die mit mir spielt und mir bestimmt viele neue Dinge beibringt.
Wir schauen uns an: Dann stockt mir der Atem: „Perla, meine Liebe, was ist mit Dir? Kann es sein, dass Du nur ein Auge hast? Sie nickt. Na ja, Was solls. Wir werden schon miteinander zurechtkommen. Überglücklich gehen wir zwei in das große Zimmer, wo Frauchen und Herrchen sitzen. Beide strahlen. Was sind wir doch für eine schöne Familie.
